Libellen sind ausgezeichnete Indikatoren für die Gewässerqualität und Strukturvielfalt von Lebensräumen. Allerdings ist es oft eine Herausforderung, die flinken Jäger zu fotografieren und zu bestimmen. In diesem Beitrag erfahren Sie, wann und wo Sie Libellen finden, welche Merkmal wirklich zählen und wie Sie die scheuen Tiere am besten fotografieren.
Libellen verbringen den Großteil ihres Lebens in und an Gewässern und reagieren schnell auf Umweltveränderungen. Dazu gehören zum Beispiel der Sauerstoffgehalt, Schadstoffeinträge, Auswirkungen durch die Klimaerwärmung und auch Veränderungen der Gewässer- und Uferlebensräume. Wenn bestimmte Arten verschwinden und andere wiederum auftauchen, dann kann dies die Störung eines Ökosystems anzeigen. Um diese Prozesse beobachten zu können, ist es wichtig, die Arten regelmäßig zu dokumentieren. Doch wie geht man am besten vor?
Zur richtigen Zeit…
Im Juli und August sind die meisten Libellenarten bei uns aktiv. Manche Arten sind aber schon früher unterwegs, z.B. der Frühe Schilfjäger (Brachytron pratense), Zweifleck (Epitheca bimaculata), die Große Pechlibelle (Ischnura elegans) und die streng geschützte Große Moosjungfer (Leucorrhinia pectoralis). Eine vollständige Übersicht der Flugzeiten bietet die folgende Website: Flugzeiten-Libellenfreunde.de
Libellen sind wechselwarme Tiere. Das heißt, ihre Tagesaktivität hängt von der Temperatur und den Wetterbedingungen ab. Besonders aktiv sind sie bei warmem, sonnigem Wetter – idealerweise, wenn die Sonne am höchsten steht – und wenig Wind. Die besten Chancen auf ruhende oder schlafende Libellen - und damit ein gutes Foto - hat man am Morgen und Vormittag, wenn die Tiere noch kalt und damit langsamer sind. Hier finden Sie Tipps, um schlafende Libellen zu finden.
Die Große Moosjungfer fliegt ab Mitte Mai. Sie ist europarechtlich geschützt und eine unserer Zielarten. Foto: Stiftung Naturschutz Berlin/Astrid Kinateder
Dieses junge Weibchen der Großen Pechlibelle wurde Anfang Mai 2026 im Teufelsbruch in Spandau beobachtet. Foto: Lutz Krause
…am richtigen Ort…
Allgemein sind Libellen an aquatische Lebensräume gebunden. Dabei dienen sowohl fließende als auch stehende Gewässer als Fortpflanzungshabitate, wobei die Gewässerpräferenzen artspezifisch sind. Es empfiehlt sich daher, die Bedürfnisse von Arten zu kennen, wenn man ganz bestimmte Arten finden will. So ist die Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx splendens) nur an mäßig bis schnell fließenden Bächen zu finden. Eine Suche an stehenden Kleingewässern wird wahrscheinlich erfolglos bleiben. Gleichzeitig kann das Wissen um die Lebensraumansprüche auch bei der Bestimmung helfen. So sehen sich die Kleine Pechlibelle (Ischnura pumilio) und die Große Pechlibelle (Ischnura elegans) zum Verwechseln ähnlich. Die Kleine Pechlibelle ist jedoch eine Pionierart und kommt eher an flachen, vegetationsarmen Gewässern vor - an stark bewachsenen Gewässern wird man viel wahrscheinlicher die Große Pechlibelle antreffen.
In Berlin finden Libellen an zahlreichen Seen, Fließgewässern, Kleingewässern und Kanälen einen geeigneten Lebensraum. Es gibt aber ein paar Hotspots, an denen sich die Suche nach besonderen Arten lohnt: Grunewald, Spandauer Forst, Tegeler Fließ, Berlin-Buch und die Flusstäler an Wuhle, Panke und Erpe. In den Naturschutzgebieten gilt natürlich: Verlassen Sie nicht die Wege, Naturschutz geht vor! Man muss aber nicht unbedingt im Schutzgebiet unterwegs sein. Auch auf Berliner Friedhöfen, am Gewässer vor der Haustür oder in Kleingärten wurden bereits seltene Arten wie die Südliche Binsenjungfer (Lestes barbarus) gemeldet.
Die Blauflügel-Prachtlibelle bevorzugt eigentlich kleine Fließgewässer. Dieses Tiere wurde jedoch am Lietzensee beobachtet. Foto: Kaija Pikarinen
Die Kleine Pechlibelle ist auf neu enstandene Gewässer spezialisiert. Sobald das Gewässer stärker verwächst, verschwindet sie in der Regel. Foto: Romain Clément
…mit der richtigen Ausrüstung und etwas Geduld
Libellen mit dem Handy zu erwischen, ist eher eine Ausnahme. Verwenden Sie lieber eine Kamera mit gutem Zoom-Objektiv (mindestens 90 mm), um die geringe Fluchtdistanz zu umgehen. Ein Fernglas mit guter Naheinstellung (unter zwei Meter) hilft dabei, sie vorher zu finden und zu bestimmen. Viel wichtiger als die Ausrüstung ist aber – neben etwas Geduld – das Wissen über ihre Lebensweise.
Den schnellen Jägern hinterherzulaufen oder ihrer Flugbahn mit der Kamera zu folgen, bringt meistens nichts. Viele Arten besitzen aber feste Jagdrouten und Ansitze, die sie immer wieder anfliegen. Fokussieren Sie manuell auf diese Orte und warten Sie geduldig, bis die Libelle in den Bildausschnitt fliegt. Ansitzende Tiere besitzen eine Fluchtdistanz von mehreren Metern. Nähern Sie sich daher langsam und vorsichtig.
Auf die Perspektive kommt es an
In einer idealen Welt kennt man die Libellenart vor sich und fotografiert die bestimmungsrelevanten Merkmale aus dem richtigen Winkel. Wenn Sie die Art aber nicht kennen, hilft es die Tiere aus folgenden Perspektiven abzulichten:
Von oben: Auf dem Abdomen (Hinterleib) und den Flügeln zeigen sich oft spezifische Muster und Färbungen. So ist der Vierfleck (Libellula quadrimaculata) an seinen dunklen Flügelflecken zu erkennen. Und der Kleine Blaupfeil (Orthetrum coerulescens) ist durch sein ockergelbes Flügelmal (Pterostigma) von ähnlichen Blaupfeilen zu unterscheiden.
Von der Seite: Der Thorax zeigt je nach Art unterschiedliche Farbmuster oder Strukturen. Beispielsweise ist die Thoraxseite der streng geschützten Grünen Mosaikjungfer (Aeshna viridis) einfarbig grün. Die sehr ähnliche Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea) besitzt dort jedoch eine schwarze Zeichnung.
Kleiner Blaupfeil mit ockergelben Flügelmalen. Foto: Ina Wollstadt
Gemeine Heidelibelle mit "Schnurrbart". Foto: Romain Clément
Die Blaugrüne Mosaikjungfer ist an der Seite schwarz gezeichnet. Foto: Norbert Kenntner
Von vorne: Auf der Stirn zeigen manche Arten eine spezifische Färbung. So besitzt die Große Heidelibelle (Sympetrum striolatum) einen schwarzen Strich auf der Stirn, der an den Augen endet. Bei der sehr ähnlichen Gemeinen Heidelibelle (S. vulgatum) verläuft diese Zeichnung weiter an den Augen herab und ähnelt etwas einem Schnauzbart, der über die Mundwinkel geht.
Am wichtigsten: Fortpflanzung nachweisen
Libellen sind zwar hervorragende Bioindikatoren, doch für die Bewertung von Lebensräumen sind die flugfähigen, adulten Individuen gar nicht so entscheidend. Viel wichtiger ist es, eine erfolgreiche Fortpflanzung nachzuweisen. Achten Sie daher auf folgendes Verhalten, um ein Reproduktionshabitat zu erkennen: Balzverhalten, Paarungsrad und Eiablage. Und geben Sie das beobachtete Verhalten unbedingt im Meldeformular unter der Rubrik „Aktivität“ als „Paarung“ an oder beschreiben Sie es im Bemerkungsfeld.
Die Königsdisziplin ist jedoch der Reproduktionsnachweis anhand von Exuvien, also die beim Schlupf übrig gebliebene Larvenhaut, die über Wasser häufig an Pflanzen gefunden werden kann. Diese Häute zu bestimmen, kann komplex sein. Es bedarf der richtigen Bestimmungsliteratur, einem Gerät zur Vergrößerung (z.B. eine Lupe mit 10-facher Vergrößerung oder Binokular) und etwas Geduld. Und es gibt einen Vorteil: Für die Suche nach Exuvien braucht es kein gutes Wetter. Probieren Sie es aus!
Große Königslibelle bei der Eiablage. Foto: Martina Thoms
Eine seltene Beobachtung: Heidelibelle (Sympetrum sp.) beim Schlüpfen. Foto: Meike Borchert
Die Exuvie des Zweiflecks ist an ihren Dornen auf dem Abdomen zu erkennen. Foto: Romain Clément
Hilfreiche Literatur
„Die Libellen Deutschlands“ von Michael Frank und Angela Bruens, Verlag: Quelle & Meyer
„Die Libellen Europas“ von Wildermuth & Martens, Verlag: Quelle & Meyer
Exuvien: Deutsche Literatur ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung leider vergriffen. In den kommenden Jahren sollte ein neues Werk erscheinen. Bis dahin ist aber dieses Buch eine gute Wahl: „Handboek libellelarven en hun huidjes von“ von Brochard & Co., Verlag: KNNV